In letzter Zeit hab ich einige witzige und interessante Anekdoten über die Etikette bei Hof gelesen, zum Beispiel:
Ganz wichtig war die genaue Bezeichnung einzelner Personen. Nach dem Tod des Grand Dauphin schrieb "Madame"(Lieselotte v.d. Pfalz) der Herzogin von Hannover, wie man denn den neuen Dauphin, den Herzog von Burgund, nun betitelte.
Wenn man ihn direkt ansprach, mußte man ihn mit "Monsieur" anreden. Wenn man von ihm sprach sagte man "Monsieur le dauphin", aber wenn man ihm schrieb lautete die Anrede "Monseigneur".
Vom Duce de Luynes gibt es eine Aufzeichnung aus dem Jahr 1736, die beschreibt, wie eifersüchtig auf den Rang geachtet wurde: "Eine Herzogin und eine Prinzessin dürfen Türen zur gleichen Zeit durchschreiten; aber nur dann, wenn die Prinzessin ihre Schulter vor der Schulter der Herzogin hat.
Ganz ungehalten waren viele Höflinge darüber, daß die Königin Maria Leszcynska sich entschied, den lästigen Handkuss abzuschaffen, den der Dauphin, die Dauphine und Mesdames ihr jedesmal geben mußten, wenn sie ihr begegneten.
Sie meinte, es würde reichen, wenn sie ihr den Handkuss nur bei der ersten und der letzten Begegnung des Tages geben würden.
Bei den Höflingen löste diese Änderung der Etikette eine Welle der Empörung aus. Sie meinten, damit wäre das Ende jeglichen Respekts und Verehrung gekommen.
Naja, grundsätzlich muss man ja sagen, dass diese strikte Umgehensweise manchmal schon lächerlich wirkte.
Doch steckte dahinter ja ein Grund.
Ich kann mir schon vorstellen, dass der Hof empört war, wenn ein Teil der Etikette abgeschafft oder geändert wurde. Denn irgendwie gehörte die Etikette mit all ihren Tücken ja zum gewohnten Leben der Höflinge und obendrein wurde dadurch genau geregelt, wo man steht.
Das Abschaffen eines Teils der Etikette bedeutete ja für irgendeinen des Hofes die Abschaffung seines ganz speziellen Privilegs.
(15.10.2010 16:46)Enkelados schrieb: [ -> ]Bei den Höflingen löste diese Änderung der Etikette eine Welle der Empörung aus. Sie meinten, damit wäre das Ende jeglichen Respekts und Verehrung gekommen.
Im Prinzip kam es zu genau diesem Ende...
Dass Marie Antoinette so bewusst die Etikette lockerte, war für die hohe Gesellschaft ein Affront.
Es schaffte zudem schlechte Stimmung und ich denke mal, dass das Auflockern der Etikette - die ja für das Königspaar zwar lästig, aber irgendwo ein Stück Kontrolle des Hofes bedeutete - , mitschuld daran ist, dass sich der Adel schließlich vom Königspaar abwandte.
Die verschiedenen Bezeichnungen des Dauphins find ich aber lustig.
Um Himmels willen, wenn es sowas in der Art für jedes Mitglied der Königsfamilie gab oder gar für den gesamten Hof, dann muss es ja ein riesiger Aufwand gewesen sein, das alles zu managen oder zu erlernen.
Tja, heute kommt einem das alles wirklich recht merkwürdig vor.
Auf der anderen Seite können solche Etikette-Vorschriften auch hilfreich sein, damit nicht alles "drunter und drüber" geht. Manche Sachen kommen einem sogar ganz sinnvoll vor, andere dagegen sind gradezu absurd (zB die Geschichte mit der Schulter. Oder man denke nur an die arme frierende Marie Antoinette, die ewig darauf wartete, daß ihr die zuständige Dame endlich ihr Untergewand reichte.)
Der Verfall der Etikette hat bestimmt auch zum Ende des Ancien Regime beigetragen. In dem Versailles-Bildband von Nicholas d'Archimbaud gibt es einen Abschnitt der "Versailles vereinsamt" heißt. Darin geht es darum, daß immer mehr Höflinge dem Schloß fernblieben, weil sie sich vor den Kopf gestoßen sahen. Die Königin Marie Antoinette hielt sich immer weniger an die Etikette und so geschah es, daß sie im Jahr 1783 auf dem Weg von ihren Gemächern zur Kapelle keinem einzigen Menschen begegnete.
Richtig hofgehalten mit allen Vorschriften der Etikette wurde nur noch an Sonn- und Feiertagen.
Das mit der Schulter macht ja irgendwie doch Sinn, wenn man bedenkt, dass durch eine Tür gehen ja immer bedeutet, einen Raum zu betreten. Dann ist es nachvollziehbar, dass man einer Prinzessin den Vortritt lässt.
Dass Maria Leszcynska den Handkuss auf die Begrüßung und Verabschiedung reduzierte, finde ich allerdings sehr sinnvoll. Denn das stelle ich mir sehr lästig vor. Bei jeder Begegnung diese Respektsbezeugungen! Eine höfliche Verbeugung reicht ja auch.
Aber im Prinzip hat Amélie natürlich Recht, je mehr die Etikette eingeschränkt wird, umso weniger Respektabilität strahlt das Königspaar aus. So kleine Gesten und Handlungen sind - wie man so schön sagt - wirklichkeitserzeugend. In dem man bestimmte Handlungen reduziert oder eben ganz weglässt, werden auch bestimmte gesellschaftliche Normen und Grenzen gelöscht oder neu gezogen.
Lolo
Im Bezug auf die Vernachlässigung der Etikette und den damit wachsenden Unmut des Adels fällt mir ein Zitat ein, das der Herzog von Richelieu stammen soll. Er sagte zu Ludwig XVI.: "Sire, unter Ludwig XIV. wagte man kein Wort zu sagen; unter Ludwig XV. murmelte man; unter Eurer Majestät spricht man laut."
Ich finde, für den damals schon über 80-jährigen Herzog auch seinem Souverän gegenüber ein recht gewagter Spruch. (Vorausgesetzt es hat sich wirklich so zugetragen)
Die Etikette änderte sich wie das Denken der Menschen jener Zeit und wenn dieses Zitat der Wahrheit entsprechen sollte, so kann man nurr sagen: Die Wahrheit ist kein mobbing!
Gewagt ist es schon, aber ich zweifel sehr, dass er es dem König vor die Füsse schmiss, sondern eher hinter vorgehaltener Hand oder in Form einer Warnung an den König sagte. Meinst du nicht auch?
Der Herzog von Richelieu hat es bestimmt in angemessener Form seinem König dargebracht, auch wenn er schon über zwei Generationen älter war (für damalige Zeiten gerechnet). Wenn ich mich recht erinnere hatte, hatte Louis nicht die beste Meinung über seinen Untertan. Der Herzog war in seinen jungen Jahren auch ein paar mal in der Bastille inhaftiert, er hatte also schon seinen eigenen Kopf.
Aber ich denke, dass die Worte sich keinesfalls auf die Etikette allein beziehen, sondern den Wandel der Zeit, die Zustände im allgemeinen. Aus Richelieus Sicht ist das eine Zeit von über 80 Jahren. Wenn wir es mit der heutigen Zeit vergleichen und mit den Erzählungen der Eltern und Grosseltern, kommt uns deren Zeit auch recht anders vor.
Stellt man sich doch heute nur mal vor, wie sich vor 80 - 100 Jahren die Menschen mit einander unterhalten haben oder was schicklich war oder verpönt.
Leben heisst schliesslich Veränderung und das war auch im Frankreich des 17. und 18 Jahrhundert so.
Insofern stimme ich voll damit überein: Die Wahrheit ist kein mobbing!
Hallo meine Lieben,
ich finde es unglaublich interessant, wie in diesem Forum über die Etikette am Hoff gesprochen wird.
Ich hab mich im Rahmen eines Vortrages an der Uni zum Thema ' Schloss Versailles als politische Bühne' befasst und vertrete eigentlich eher die Meinung von Bering und Rooch, die in ihrem Werk zum Absolutistischen Raum von einer psychisch-physischen Diszipinierung des Adels durch das durchstrukturierte Hofzeremoniell Ludwig XIV sprechen. Sollte der Adel dann nicht eigentlich froh über jede Lockerung sein, die ihm die Möglichkeit gewährte wieder unabhängig von königlicher Inszenierung und Alltagsritualisierung zu bestehen? Hieß denn nicht jede Lockerung von Etikett ein Stück mehr Unabhängigkeit von königlicher Gnade und damit einen schritt in Richtung Selbstbestimmung?
Lg, Studentin
Versailles war auf jeden Fall eine Bühne - und zwar in mehrfacher Hinsicht.
Die Etikette hatte ja nicht nur Nachteile, sie zeigte jedem seinen Rang und seine Zuständigkeiten auf. Natürlich wurden viele Dinge maßlos übertrieben, grade zur Zeit Ludwigs XIV.
Später lockerte sich die Etikette ja mehr und mehr und ich denke schon, daß auch das zum Untergang des Ancien Regimes beigetragen hat.
Sicher werden viele Höflinge froh gewesen sein, daß einige Dinge nicht mehr so streng gesehen wurden. Aber man kann immer wieder lesen, daß ein großer Teil des Adels auf den Vorrechten, die durch die Etikette ausgedrückt wurde, bestanden hat, und keineswegs damit einverstanden war, wenn sie gelockert wurde.
Exakt, die Höflinge waren ja immerhin auch schon an diese Privilegien und die Etikette gewöhnt, sie kannten es sozusagen nicht anders. Wenn dann gewisse Punkte der Etikette weggelassen werden, freuen sich zwar teilweise die verschiedenen "Adelsschichten", auf der anderen Seite sind aber diejenigen die dadurch getroffen werden natürlich empört.
Stellt euch nur mal vor das Anrecht auf ein Tabouret in Anwesenheit der Königin hätte auf einmal nicht nur die Herzogin sondern auch die Gräfin gehabt. Diese hätte sich natürlich gefreut, die Damen mit Herzogsrang wären aber auf die Barrikaden gesprungen

Natürlich ist das jetzt ein sehr drastisches Beispiel in Bezug auf die Etikette von Versailles. Aber im Prinzip lässt sich das gut auf alle anderen Etikettbeispiele auslegen. Und daran wie sehr die Etikette gelockert wurde erkennt man tatsächlich sehr gut dass die alte Ordnung, das Königstum wie man es gewöhnt war, langsam zerfällt...
Das Zitat von Richelieu beschreibt diese Situation wirklich mehr als treffend und zuzutrauen wär es durchaus dass so etwas auch im Beisein des Königs gesagt wurde, wenn auch vielleicht nicht direkt ins Gesicht.